Wir beschreiben Kultur unter anderem als die Übermittlung von Wissen von einer Personengruppe an die nächste. Dieses Wissen definiert uns als Menschen und erlaubt uns, uns in einem erweiterten Bewusstsein über die Menschen um uns herum, das System, indem wir leben und die Mechanismen, die jenes erhalten, in der Welt zu orientieren. Die Übermittlung von Kultur definiert das Niveau des Bewusstseins eines Bürgers und erlaubt ihm mit grösserer Urteilskraft, kritischer zu denken und Entscheidungen zu treffen.
In diesem Sinn hilft die Kultur jedem sich in der Geschichte einzuordnen und zu verstehen, dass jede persönliche Erfahrung von anderen geteilt wird und Teil einer menschlichen, globalen Erfahrung ist.
Im vorliegenden Fall gilt es, die Erfahrung zu machen, dass die Geschichte eines anderen auch die eigen sein könnte, oder die von Angehörigen.
Diese Arbeit möchte Geschichten über ethnische Säuberung, Krieg, Flucht, Exil von Mitbürgern unseres Landes ans Licht bringen und mit der restlichen Bevölkerung teilen. Dies sind Mitbürger, die zum heutigen Zeitpunkt die schweizerische Staatsbürgerschaft besitzen, aber auch einige, die, obwohl sie die schweizerische Nationalität nicht angekommen haben, inzwischen in der Gesellschaft fest integriert sind. Sie sind jedoch in beiden Fällen Menschen im Exil und in gewissem Sinne unkenntlich geworden.

Das geschilderte kulturelle Ziel wird im Konkreten wie folgt umgesetzt:
Es soll gezeigt werden, dass der Krieg nicht nur physisch zu spüren ist, sondern über seine äusserlich sichtbaren Grenzen hinaus stattfindet und seine Spuren hinterlässt. Er wandelt sich in einen geistigen Zustand um, äussert sich von Mal zu mal anders, je nach persönlichen Momenten im Leben manchmal stärker spürbar, manchmal schwächer. Die Spuren bleiben noch lange danach im Gedächtnis, manchmal sogar ein Leben lang. Die erfahrene Gewalt kann nicht versteckt werden oder verschwinden: es ist nötig sie aufzuarbeiten.
Vergleichen wir das emigrierende Individuum mit einem Baum. Den kann man, einmal grossgewachsen, schwieriger umpflanzen. Man muss acht geben, die Wurzeln nicht zu verletzen und ihn mit Behutsamkeit transportieren, für ihn fruchtbare Erde finden, ähnlich jener, in der er gewachsen ist und man wir akzeptieren müssen, dass die Wurzeln sich festsetzen. Er wird Zeit dazu brauchen und vielleicht ist nicht einmal Zeit dazu ausreichend. So behutsam und langsam geschieht auch die Wiederaufarbeitung und Wiedereingliederung eines Menschen an einem fremden Ort.


Narben

Seit dem Beginn des 20.Jahrhunderts waren die Balkanvölker mit dem Stempel des „Pulverfasses Europas“ versehen, als wären die Gewaltausbrüche und die Konflikte auf eine potentielle Gewaltbereitschaft der slawischen Bevölkerung zurück zu führen:
Auch die Medien und die Politik vermittelten in den 90er Jahren das Bild, die Geschehnisse auf dem Balkan seinen ein unvermeidlicher Ausdruck der Gewaltbereitschaft der slawischen Völker. Oft wurde die Stigmatisierung sogar von den betroffenen Personen mit schlimmen Folgen selbst verinnerlicht.

Die vor dem Konflikt flüchtenden Personen, die in Europa angekommen waren, hatten schreckliche Erlebnisse hinter sich. Ihr Weg zur Wiederaufarbeitung und Entwicklung wird oft von Vorurteilen, die ihnen entgegen gebracht werden, behindert. Auch unter Leuten, die sich sonst nicht zu rassistischen Ansichten bekennen, hört man Überzeugungen, dass die Balkanvölker an sich cholerisch und gewalttätig sind, als hätten die Geschehnisse in den 90er Jahren jenen genetischen vorbestimmten Charakter bewiesen.

Das Projekt hat das Ziel mit diesen Vorurteilen aufzuräumen und den Kriegszeugen eine Stimme zu geben, in der Überzeugung, dass eine aktive Teilnahme an der Geschichte des anderen der erste Schritt zum gegenseitigen Verständnis ist. Auf der einen Seite wird, wer jemandem seine eigene Geschichte anvertraut, sich eher verstanden und im neuen Land willkommen fühlen und auf der anderen Seite wird sich bei den Hörern der Geschichten Empathie und Verständnis für die Eingewanderten einstellen.

Zu verstehen, wie der Ausbruch von enormer Gewalt die Menschen traf und sich in die Reaktionen und Entscheidungen der Betroffenen hineinzuversetzen, verbindet und trägt dazu bei die Mauer der Gleichgültigkeit einzureissen.