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Autor:
Elvira Mujcic
Regie und Adaptation für die Bühne:
Valentina Bartolo
Mit:
Valentina Bartolo, Silvia Large, Giulia Valenti
Regieassistenz:
Thania Micheli
Musik und Geräuschkulisse:
Black Fluo und Gianmaria Zanda
In Zusammenarbeit mit:
Lärm, Kulturen in Bewegung
Besonderer Dank an:
Daniele Luzzini Sacha Galli

Synopse:

Ein Pulver lagert auf den Schulheften der Kindheit. Dieses Pulver bedeckt die Träume, die die Hefte einst zum Leben erweckten. Es ist auch eine Decke, für die Wunden von damals.

Aber manchmal reicht schon ein Geruch, ein Geräusch, ein Windhauch um das Begrabene aufzudecken und die Erinnerung in einen Funken zu verwandelnde, der kurz in der Gegenwart aufleuchtet und uns zwingt mit der Vergangenheit abzurechnen. Mit dem, was uns auszeichnete und mit dem, wovor wir flüchten.

Im Zentrum vom Die Hefte von Nisveta steht eine junge Frau, die auf ihre 30 zugeht, deren Existenz von einer doppelten Angst gezeichnet ist: Sie lebt eine Gegenwart, die von wirtschaftlicher Krise bestimmt wird. In einer Gesellschaft, die sich selbst in einer nie aufhörenden Identitätskrise befindet, läuft sie wie besessen einer Karriere hinterher, die sie absichern soll. Gleichzeitig verbirg sie eine Vergangenheit, die ebenfalls von Angst, wenn auch von einer ganz anderen gezeichnet ist; von Emotionen jenseits von Worten, von extremer Gewalt und vom Krieg.

Nisveta, Bosnierin, ist von Beruf Anwältin und die Distanz mehrere Jahre trennen sie vom Jugoslawienkonflikt. Sie hat sich in einem fremden Land eine neue Existenz aufgebaut, sich unter die Menge fremder Leute gemischt und die Spuren ihrer eigenen Geschichte verwischt.

Eines morgens ist sie auf dem Weg zur Arbeit und nimmt die U-Bahn. Unten im Schacht, wo sie ins unnatürliche Neonlicht getaucht wird, geschieht etwas Unerwartetes. Es öffnet sich eine Schachtel, die seit langem verschlossen war…

Gegenüber einer vergessenen Realität und Fragmenten eines verloren gegangenen Puzzles sieht sie sich gezwungen dem Geist eines anderen Selbst zu begegnen, der noch lebt, der bissig ist. Eine Schwester, eingeprägt in ein verblasstes Bild, wird das Bindeglied zur eigenen, innersten und intimsten Geschichte. Dies ist für sie eine Erfahrung, ohne die sie Gefahr liefe, sich verstückelt in einer „permanenten Gegenwart“ wiederzufinden, völlig abgeschnitten vom schon Gelebten.

Die Bühne zeigt drei Frauen. Nisveta und die Charaktere, die sie wie in einem Ring von Emotionen, hervorruft.

Das Publikum vollzieht durch den Blickwinkel von Nisvetta eine Reise und setzt sich mit den Fragen auseinander, die unsere Existenz definieren. Es kristallisiert sich heraus, dass nur in der Beziehung zu anderen und zur eigenen Vergangenheit der Schlüssel liegt, bewusste und freie Individuen zu werden.

Die Entscheidung dazu liegt bei uns.


Elvira Mujcic

Elvira

Elvira, 1980 in Serbien geboren, lebt bis 1992 in Srebrenica, Bosnien, bevor sie anfängt zu reisen und sich letztlich in Rom niederliess. Nach einem Diplom in Sprachen und fremdsprachiger Literatur fängt sie an als Schriftstellerin und Literaturübersetzerin zu arbeiten. Sie schreibt Theaterstücke, u.a. mit Co-autor, Simone Gandolfo Ballata per un assedio, Essays, Lyrik und Reportagen für verschiedene italienische Zeitschriften. Für den Verlag I tipi di Baldini, Castoldi und Dalai hat sie Il letto di Frida von Slavenka Drakulic ins Italienische übersetzt und für den Verlag Zandonai edizioni Il nostro uomo sul campo von Robert Perisic. Der Verlag Infinito edizioni veröffentlicht von ihr Al die là del caos, Was bleibt nach Srebrenica (2007), Se Fuad avesse avuto la dinamite?(2009), das E-book Sarajevo: Geschichte einer kleinen Untreue (2011) und La lingua di Ana (2012). Es folgen die Teilnahme an verschiedenen Literaturfestivals in Italien, unter anderem das Festival della letterature di Mantova, das Festival Pordeneonelegge, das Festival Olbia che legge, und der Buchmesse Più libri piu liberi in Rom.

Vorwort von Elvira:

Jedes Mal, wenn ich dazu zurückkehre über bestimmte Themen und Geschehnisse zu schreiben, die meine Existenz bedingt und bestimmt haben, finde ich mich in ein Netzt von Erinnerungen verstrickt, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie noch da sind, irgendwo in mir und vom normalen Alltag begraben. Die Hefte von Nisveta hat mir von Neuem erlaubt in die Tiefe zu gehen und etwas wieder zu gewinnen und auch wenn ich ihm vielleicht keinen Sinn geben kann, kann ich doch wenigsten alles aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Die gesamte Geschichte kreist um einen existentiellen Satz von Nisveta: „Fakt ist, dass man nie ganz weggeht, aber auch nie wieder ganz zurück kehren kann.“ Das ist das Drama der Emigration. Die Identität, Erinnerung, Verdrängung, Suche und Konflikt sind sehr gut begreifbar, wenn man sich in diese Position des „Dazwischen“ der Menschen versetzt, die weder je ganz weggegangen sind, aber auch nie wieder ganz zurückkehren können und so in einem ständigen inneren Exil lebt. Es ist eine prekäre Situation und es reicht schon wenig um alles zum Einsturz zu bringen. Nisveta reich schon, dass jemand ihren Namen falsch ausspricht oder nicht weiss, wo ihr Heimatland liegt. Es reicht manchmal schon ein Lied, das zufällig in der U-Bahn erklingt, 100 Kilometer von ihrem Herkunftsland entfernt, um die Tür zur Vergangenheit zu öffnen, den Krieg wieder zu durchleben und den gesamten Lebensverlauf in Frage zu stellen. Trotz allem ist auch das „Dazwischen“ eine Welt voller Leben, Identität, Bewusstsein, Sprachen und voll von Möglichkeiten.